Ich muss mal – dringend

Wenn wir schon beim Thema sind (vorheriger Post), krame ich mal was aus dem Archiv:

Ich sitze im Auto vor der Sporthalle. Vor zwanzig Minuten ist K2 ausgestiegen, um in den Sportunterricht zu gehen. Ich habe mich entschieden zu warten und nicht zwischendurch nach Hause zu fahren. Einzukaufen habe ich nichts und mir ist heute auch nicht nach „durch Geschäfte schlendern“.

Es ist 16:20 Uhr und ich habe mich gemütlich im Auto eingerichtet. In der linken Hand halte ich meinen Kindle, in der rechten meinen Thermobecher mit heißem Kakao. Es ist Herbst, aber noch hell und nicht so kalt, dass ich nicht im Auto sitzen kann. Das Buch ist gut – sehr gut! Der Kakao schmeckt lecker. Ab und zu landet ein Blatt vorsichtig auf meiner Windschutzscheibe. Wäre das hier ein Roman, müsste ich jetzt schreiben: „Ich grunzte zufrieden vor mich hin!“

Plötzlich kommt leises Unbehagen auf. Aus dem „Grunzen“ wird entnervtes Seufzen. Ich muss auf die Toilette. War ja klar. Ich wundere mich, dass ich nicht schon vor zwanzig Minuten musste. Normalerweise muss ich nach jeder Autofahrt auf die Toilette, egal wie kurz sie auch ist und egal, ob ich zu Hause unmittelbar vor Abfahrt noch einmal war.

Mein innerer Frieden ist auf jeden Fall dahin. Das fehlt mir jetzt noch, dass ich auf diese eklige Stinketoilette in der Sporthalle gehen muss. Wenn ich im Auto sitzen bleibe, könnte ich vielleicht einhalten, bis ich wieder zu Hause wäre. Ein Blick auf Uhr verrät mir, dass ich noch eine Stunde aushalten müsste. Und die Fahrtzeit ist dabei noch nicht mitgerechnet.

Ich sehe mich schon dunkelorange Ampeln überfahren, lahme Verkehrsteilnehmer drangsalieren und mit quietschenden Reifen in unsere Hofeinfahrt brettern. Ich hätte mir keinen Kakao mitnehmen dürfen, der treibt wohl etwas.

Auf mein Buch kann ich mich nicht länger konzentrieren. Ich lasse meinen Blick schweifen und wäge ab. Wenn ich auf die Stinketoilette der Sporthalle ginge, WAS würde ich dann alles mitnehmen? Handtasche? Kindle? Netbook? (Ja, ich bin gut ausgestattet an diesem Nachmittag – ich habe schließlich auch 90 Minuten zu überbrücken.) Und wenn ich das alles mitnehme, wo könnte ich es dann hinlegen? Oder soll ich alles im Auto lassen? Nein, bloß nicht. Ratzfatz ist so ein Auto aufgebrochen und ehe ich in der Sporthalle ankäme, wären meine elektronischen Schätzchen schon am Flughafen und beim Check-in.

 

16:38:22 Uhr: Ich kapituliere. Mir bleibt auch nichts anderes übrig. Denn von jetzt auf gleich ist der Drang so groß geworden, dass ich berechtigte Bedenken habe, es überhaupt noch zur Toilette zu schaffen, obendrein beladen mit jeder Menge Gepäck.

16:38:30 Uhr: Ich begrabe mein Netbook unter einem Berg Jacken.

16:38:36 Uhr: Ich schnappe meine Handtasche und meinen Kindle und springe aus dem Auto.

16:38:45 Uhr: Auf dem Weg zur Sporthalle krame ich nach einer Rotzfahne, um bloß nichts mit meiner Hand zu berühren.

16:38:50 Uhr: Vorm Betreten der Sporthalle werfe ich einen letzten Blick zum Auto. Kein Mensch schleicht darum herum.

16:42 Uhr: Ich sitze in meinem Auto und habe es mir gemütlich gemacht. In der linken Hand halte ich meinen Kindle, die rechte Hand greift zu einer kleinen Wasserflasche. Ab und zu landet ein Blatt vorsichtig auf meiner Windschutzscheibe. Wäre das hier ein Roman, würde ich schreiben: „Ich grunzte zufrieden vor mich hin!“

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