Wo ist der Bus?

K2 rennt aus dem Hühnerstall. „Schon so spät. Hoffentlich kriege ich meinen Bus noch!“ Eine Minute später ist sie wieder da. Da ihr Papa noch nicht zur Arbeit aufgebrochen war und sowieso in die gleiche Richtung muss, nahm er sie mit. Es war also kein Einsatz meinerseits von Nöten. So wie damals; vielleicht erinnert sich die/der ein oder andere „alte“ Leser/in noch daran? 😀
Die Geschichte hat sich seinerzeit wirklich so zugetragen, auch wenn es eine Leserin (des Buches) in einer Amazonkritik angezweifelt hatte.

Ich hatte frei! Als Einzige im Hühnerstall, was mir ein gewisses Ausschlafen verwehrte. Da K2 aber erst um 8:45 Uhr in der Schule sein musste, lagen wir mit diversen Frühstücksgetränken und ausreichend Lesestoff im großen Bett und ließen es uns gut gehen. Diese gemütliche Idylle wurde um 6:56 Uhr durch einen Anruf von K1 unterbrochen, die an der Bushaltestelle stand.
Sie: „Mama, der Bus kommt nicht!“
Ich: „Der MUSS kommen – irgendwann.“
(Aufgeregtes Stimmengewirr im Hintergrund).
Sie: „Wart’ mal – ich glaube, da kommt er. Ach nee, ist der andere. Was soll ich jetzt machen?“
(Ich erkannte Stimmen von Freundinnen).
Ich: „Was machen M und D denn?“
Sie: „Die fahren mit B, die hat gerade zu Hause angerufen.“
Ich: „Dann fahr’ doch auch mit B.“
Sie: „Geht nicht. Bs Schwester ist auch hier. Die will auch noch Freundinnen mitnehmen.“
Ich: „Ist L denn da? Oder P?“
Sie: „Ich weiß nicht, wo P ist. Aber L fährt doch mit dem Rad.“
(Ich seufzte; K1 klang jammernd).
Sie: „Ich komm’ jetzt heim.“
Ich blickte auf die Uhr: 7:07 Uhr. Hm – dann könnte K1 ja noch mit dem Rad fahren.
Wenn es je einen Vorteil gegeben hat, hier in dieser Straße zu wohnen, dann der, dass die Bushaltestelle gleich um die Ecke ist, und dass jeder Bus am Hühnerstall vorbeifährt – zwei Mal sogar, weil er so komisch kreiseln muss. Und während ich aus dem Fenster schaute, überlegte, was ich machen sollte, und auf K1 wartete, fuhr der Bus zum ersten Mal am Tor vorbei. DAS GIBT ES DOCH NICHT! Kurzzeitig hegte ich noch die Hoffnung, dass K1 vielleicht drin gesessen hat, die Vorstellung, mich jetzt in die Klamotten zu schmeißen und die Kälte raus zu müssen, während mein Bett sogar noch warm war, war alles andere als verlockend. Da tauchte sie auf.
Sie: „Ich fahre mit dem Rad!“ Ich schaute auf ihre dünnen Klamotten und auf den tiefen Ausschnitt, der zum Rad fahren dringend einen Schal bräuchte.
Ich: „Mach’ das Tor auf! Wir fahren zum Bus.“ Warum entschied ICH mich für die stressige Variante, wenn a) das Wetter so schön war und b) K1 schon gesagt hatte, dass sie mit dem Rad fahren wolle???
Während ich mit nackigen Füßen in meine Ballerina-Schuhe sprang und im kurzärmligen, aber immerhin langbeinigen, Schlafanzug zur Garage sprintete, schnell noch K2 zurief „Schatz, ich bin gleich wieder da. Ich bringe deine Schwester zu einer anderen Bushaltestelle!“ ging ich gedanklich die nächsten Haltestellen durch. Schaffen wir es noch bis zum historischen Rathaus? Dann müsste ich dem Bus entgegenfahren, wäre schlecht, wenn er dann schon durch wäre, und ich drehen muss …
Mist, war das kalt – naja, ich hatte zwei Jacken im Auto; ich würde dort eine anziehen. Meine innere Stimme zischte mir zu: „Du weißt schon, dass oben herum alles frei hängt und dass du noch deine Schlaf-Frisur (eine Art Dutt, ganz oben, damit ich nachts nicht auf den Haaren liege) hast und die Brille schief auf der Nase trägst?“ „Ja, und?“, sprach ich mit mir selber, „ich sitze nur im Auto!!! Werde ja nicht wirklich gesehen.“
Inzwischen hatte ich mich für die Haltestelle am Supermarkt entschieden, da fuhr ich vor dem Bus her, das schien mir entspannter und noch war er ja nicht zum zweiten Male am Hühnerstall vorbeigekommen. Also nur die Ruhe!
Sie: „Mama, was machst du denn? Wir müssen doch in die andere Richtung!“
Ich: „Das schaffen wir nicht. Ich setz’ dich am Supermarkt ab.“
Sie: „Da hält der Schnellbus doch gar nicht.“ >wie immer die Ruhe selbstwie immer mit einem Pulsschlag wie ein Kolibri<
Sie: „Gar nicht mehr. Erst wieder an der Schule. Ist doch der Schnellbus.“
Ich: „!!!!!!“
Ooookaayyyy – durchatmen! Rechts ran fahren, drehen, überlegen. Kurz vor der Kreuzung, in die ich links abbiegen müsste, sah ich den Bus ankommen. Er hielt an und bog vorsichtig ab. Nur wir beide waren auf der Straße – der Bus und ich. Ich blieb mitten auf der Straße stehen. Der Bus blieb auch stehen; der Busfahrer gestikulierte wild mit den Armen. Ich wiederum gestikulierte zurück und zeigte auf meine Beifahrerin. „Auf geht’s!“, rief ich K1 aufmunternd zu; sie sprang aus dem Auto und lief zum Bus. Und tatsächlich, er nahm mein Kind mit.
Als ich dann vorsichtig am Bus vorbei fuhr, schaute ich ängstlich zum Fahrer hoch. Er schaute fragend zurück. Ich warf ihm ein Handküsschen zu, formulierte ein lautloses „Danke“ und winkte artig. Endlich fing er an zu grinsen.

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Kategorien: Archiv, Kükenkram | Hinterlasse einen Kommentar

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