Mit den Waffen einer Frau

Wenn ich eine Schwäche habe, WENN (!), dann ist es eine gewisse Ungeduld. Ich kann nicht warten; ich will auch nicht warten. Nicht beim Arzt, nicht in der Schlange vor der Kasse, nirgends. Meistens kann ich es nicht beeinflussen, sondern muss mich fügen. Also muss ich zum Arzt ein Buch oder meinen Kindle mitnehmen und mich im Supermarkt darüber ärgern, dass samstags vormittags nur drei Kassen geöffnet sind. Es gibt aber auch Situationen, da kann ich die Warterei verkürzen oder vermeiden. Mit den Waffen einer Frau – also mit meinem Erscheinungsbild und meinem charmanten Wesen.

Bei einem Termin in der Autowerkstatt war es mal wieder so weit, die Waffen zu zücken. Seit Wochen schon hatte ich einen Termin, denn an meinem vierrädrigen Schatz musste eine kleine Stelle lackiert werden.

Bei der telefonischen Terminvereinbarung wusste der gute Herr Sch. erst einmal nicht mehr, wer ich war, obwohl ich zwei Wochen vorher erst die Reifen hatte wechseln lassen. Toll, da hast du ja einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Was war da denn schief gelaufen? Ich war wohl nicht entwaffnend genug gewesen. Das durfte auf keinen Fall noch einmal passieren.

Nach ein paar Hinweisen fiel es dem guten Mann dann doch wieder ein, wer ich war und warum ich einen Termin wollte. „Diesmal muss ich den Wagen aber länger hierbehalten. Ich habe noch zwei andere Kunden im Plan stehen. Bis fünf kann es dauern.“ WAS? Oh nein!

Das ging auf gar keinen Fall. Ich sprach charmant (so hoffte ich zumindest) auf den Mann ein. Irgendwann im Gespräch warf Herr Sch. das Wort „Kaffee“ ein, was ich zwar registrierte und abspeicherte, aber bewusst ignorierte.

Am vereinbarten Morgen kurz vor acht Uhr fuhr ich vor. Und ich hatte eine Geheimwaffe im Auto. Sämtliche Abstellplätze rund um die Niederlassung waren belegt. Ein älterer Herr (Rentner?) stand bereits vor der Tür und scharrte mit den Hufen. Jemand anderes belegte den letzten Platz auf der Straße. „Kein Grund nervös zu werden“, sprach ich mir gut zu, „schließlich hast du einen Termin und du hast deine Geheimwaffe.“

Äußerlich gelassen fuhr ich auf den Sandparkplatz für Kunden direkt gegenüber. Es war 7:50 Uhr. Ich kruschelte meine Schlüssel und meine Papiere aus der Handtasche und schnappte mir meine „Waffe“, um mich dann um 7:52 Uhr mit selbstbewusstem Blick zu den anderen Wartenden zu gesellen. Zu dem Rentner. Zu den zwei älteren Damen mit verkniffenen Mundwinkeln und Namensschildchen am Hosenanzug (aha!). Und zu den zwei souverän aus dem Anzug schauenden Managertypen, die offensichtlich ihren Wagen vor der Arbeit abgaben, um ihn bei Feierabend wieder abzuholen. So wie ich auch. Nur, dass ich normalerweise nicht bis 17, 18, 19 Uhr arbeite, sondern nur bis 12 Uhr. Auch ich wurde genau taxiert.

7:54 Uhr – der Lackierer fuhr in den Hof. Ich schaute ihm demonstrativ gleichgültig nach. 7:55 Uhr – ich schlenderte unauffällig näher an die Tür. Na mal sehen, wer hier jetzt gleich Korinthen kacken würde. Ich hatte schon eine Ahnung.

7:56 Uhr – ich musste an Deutsche im Urlaub, an Handtücher und Liegestühle denken und schob mich noch näher an die Tür. 7:58 Uhr – ich hörte ein leises Knacken, der Rentner hatte es offensichtlich auch gehört. Ich machte einen beherzten Schritt auf die Tür zu, sie öffnete sich – yippie! – ich war drin.

Der Rentner stürzte hinter mir her und dann kam es: „Sie wissen schon, dass ich als Erster hier war?“, zischelte er mir zu. „Ja! Heul doch!“, hätte ich gerne gesagt oder „Na und? Ich bin bewaffnet“ – aber ich wollte jetzt keinen Streit anfangen, zumal mir Herr Sch. schon freudig entgegenblickte. Also sagte ich: „Da stehen drei Männer. Ich nehm‘ den Rechten!“

Und dann winkte Herr Sch. mich zu sich – vor allen Leuten schwenkte er den bereits geschriebenen Auftrag und die anderen guckten dumm. JA! JA! JA!

Nun musste ich nur noch dafür sorgen, dass der Lackierer sich mein Auto zuerst vornehmen würde und ich es so schnell wie möglich wieder abholen konnte. Also knallte ich meine „Waffe“ in Form eines Thermobechers auf den Tisch.

„Hier ist Ihr Kaffee!“
Um 13:15 Uhr konnte ich meinen Wagen abholen.

 

Advertisements
Kategorien: Archiv, Neues aus dem Hühnerstall | Ein Kommentar

Beitragsnavigation

Ein Gedanke zu „Mit den Waffen einer Frau

  1. Claudia

    😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: