Leidensdruck für alle

Ich sitze mit zusammengekniffenen Augen vor meinem Netbook und starre auf dem Bildschirm. Nein, ich bin nicht wütend. Ich versuche etwas zu erkennen, denn obwohl ich bei Word bei der Darstellung auf 110 Prozent und bei Google bei 130 Prozent vergrößert habe, tue ich mich sehr schwer. Schon mal mit Brille versucht? Oh ja, das habe ich. Um genau zu sein, habe ich just in diesem Moment sogar meine Brille auf, aber es nützt nicht wirklich. Na gut, im Vergleich dazu völlig ohne Brille vor dem Rechner zu sitzen, nützt es natürlich schon etwas, aber die Schrift immer größer zu stellen und trotzdem die Augen zu kneifen, fühlt sich richtig doof an. So alt. Wie alle Kontaktlinsenträgerinnen habe ich natürlich auch noch eine Brille. Wenn ich den Hühnerstall nicht mehr verlassen muss, nehme ich die eine Sehhilfe aus dem Auge und setze die andere auf die Nase. Doch diese Zeiten sind wohl vorbei.

„Wenn der Leidensdruck zu groß ist, kommen sie alle“, erklärt mir der Optiker grinsend. „Ab 40 Jahren geht es los.“ Ich starre ihn an, weil ich herausfinden möchte, ob seine Brille Fensterglas hat und ob er mich nur, wegen der unausweichlichen Lage trösten will. „Alle!“ betont er und starrt zurück. Ich reiche ihm das Rezept vom Augenarzt.

„Sie brauchen nur eine Lesebrille. So eine kleine… Die setzen sie bei Bedarf auf“, hatte mir der Augenarzt kurz vorher bescheinigt. Ich dachte an diese kleinen hässlichen Brillen, die es im Supermarkt am Ständer zu kaufen gibt. Nicht schön, aber immer noch billiger, als sich neue Kontaktlinsen zu bestellen. Oh ja, ihr habt richtig gelesen, ich habe Kontaktlinsen und trotzdem sollte ich nun zusätzlich eine Brille tragen. Nur zum Lesen und am Bildschirm. „Das ist nichts ungewöhnliches…“, erklärte mir der Augenarzt und schaute vorsichtshalber noch einmal auf meine Daten, „… ab 40 Jahren.“ In Gedanken suche ich meinen Familien- und Bekanntenkreis nach Lesebrillennutzern ab. Mein Schwiegervater fällt mir ein. Stärkere Linsen würden keinen Sinn machen, holt mich der Arzt aus meinen Gedanken. In der Ferne wäre die Sicht damit sehr, sehr gut und für eine Gleitsichtbrille – hier schaute er noch einmal auf meine Daten – wäre ich noch zu jung. Dazu käme die unterschiedliche Stärke auf den Augen. Links noch ganz gut und rechts … –  Schweigen  wir lieber.

Als ich meine Lesebrille beim Optiker abhole – ich habe mir kein spezielles Lesemodell ausgesucht, sondern etwas Schickes – ist der weniger zimperlich. „Eine Gleitsichtbrille wäre natürlich auch eine Möglichkeit, aber ist in Ihrem Fall sehr schwierig anzufertigen.“ Da ich überhaupt keine Gleitsichtbrille will, frage ich erst gar nicht nach den Gründen. „Irgendwann werden Sie aber wohl nicht mehr darum herumkommen. Mit der Zeit wird die Verträglichkeit der Kontaktlinsen immer schlechter. Je älter man wird, desto weniger Tränenflüssigkeit produzieren die Augen. Und wenn der Leidensdruck zu groß wird… Sie wissen ja!“ „Und was ist mit einer ganz normalen Brille? So für zu Hause, wenn ich die Linsen mal ausziehen möchte?“, frage ich nach. „Ganz, ganz schwierig, bei der der Stärke…zu dicke Gläser…schleifen…ausgleichen…wird sehr schwer…sieht komisch aus.“ Ich denke an Comedy aus den 80ern – als es noch Sketche hieß – und die Komiker diese dicken Brillen trugen und Glubschaugen daraus hervorlugten.

Meine Lesebrille indes sieht sehr gut aus und steht mir hervorragend. Als mich unser oberster Chef damit erblickte, meinte er nur: „Ich liebe Frauen mit Brillen.“ Wenn er mich spätabends sehen könnte, würde er seine Meinung vielleicht noch einmal überdenken. Denn dass ich im Bett beim Lesen ein ulkiges Bild abgebe, kann ich mir lebhaft vorstellen. Dort kommt meine ganz normale Brille zum Einsatz, die nun, da sich meine Augen an Linsen plus Lesebrille gewöhnt haben, ihre Funktion nicht mehr erfüllt. Die Brillenschlangen unter euch, kennen dieses Phänomen sicher. Und dass ist auch der Grund, warum ich – und nun komme ich zum Anfang dieses Posts zurück – mit zusammengekniffenen Augen auf den kleinen Bildschirm schaue. Ohne meine „Lesekombi“ sehe ich nur in der Ferne. Zum Lesen halte ich dann das rechte Glas (weil stärker) vor mein linkes Auge (weil bessere Sehkraft)…  Das ist natürlich total lächerlich und sieht auch so aus. Mal sehen, wie lange ich den Leidensdruck noch ertrage.

Jetzt gehe ich erst mal ins Bad und suche meine „Lesekombi“ zusammen und dann bestelle ich in der Online-Apotheke Augentropfen. 😀

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Kategorien: früher oder später, Neues aus dem Hühnerstall | Hinterlasse einen Kommentar

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