Zeichenkünstler

„Du kannst aber toll malen!“, seufzt K2, als ich ihr das Bild einer Katze für ihre Deutschhausaufgabe präsentiere. „Ich möchte auch so gut malen können, wie du.“ Sie hat – zumindest mit dem ersten Teil – ihrer Aussage völlig unrecht. Denn erstens ist die Katze gezeichnet und nicht gemalt – aber das kann man einer Zehnjährigen natürlich nachsehen – und zweitens kann ich überhaupt nicht gut zeichnen. Ja, gut, eine Katze bekomme ich gerade noch hin, aber schon bei Hunden muss ich passen. Ach und Pferde erst – geht gar nicht. Oder nur der Kopf. Früher als Kind konnte ich gut Pferde zeichnen, weil ich so gerne eines gehabt hätte oder zumindest gerne Reitstunden genommen hätte. Ging aber nicht. Also habe ich mir Pferde gezeichnet…

Da ich künstlerisch (zumindest auf dieser Ebene) also nichts zu vererben habe und Herr Hahn schon gar nicht, kann ja wohl niemand verlangen, dass unser Nachwuchs nun besonders gut im Zeichnen oder Malen wäre, oder? Beide Mädels hatten zudem nach dem ersten Schuljahr gründlich die Nase voll davon – war wohl etwas zu viel in der ersten Klasse, da gingen schon einmal ein paar Packungen Buntstifte drauf.

Aber wahrscheinlich bin ich sogar an der Abneigung Schuld. Ach quatsch, mit Sicherheit (!) bin ich sogar Schuld – schließlich sind Mütter immer Schuld. Ich habe K2 seinerzeit einfach nicht motivierend genug zugeredet. Jedes Mal, wenn ich sie von der Kita abgeholt habe, saß sie am Maltisch und kritzelte vor sich hin. Ich schwöre es war NIE wirklich ein Bild. Es war immer nur Gekritzel, bei dem man überhaupt nichts erkennen konnte, außer irgendwelchen Striche. Mit ganz viel Wohlwollen konnte man vielleicht „bunte Spagetti“ sehen.
Sie: „Mama, guck mal, was ich gemalt habe!“
Ich: „Hm, hm, schön mein Schatz. Können wir jetzt gehen?“
Und dann raste ich zur Tür und schnappte mir bereits diverse Taschen und Jacken, die mitzunehmen waren.

Eines Tages tauchte eine Erzieherin neben mir auf, während K2 ihren Platz aufräumte. Tadelnd sah sie mich an: „Frau Huhn, Sie müssen die Leistungen ihres Kindes mehr würdigen. Sie hat doch so schön gemalt. Und Sie nehmen sich nicht einmal die Zeit, das Bild genauer anzuschauen.“

„Das ist ja auch kein richtiges Bild!“, entgegnete ich und hatte natürlich nicht das letzte Wort. Egal, ich ließ mich nicht scheckig machen. Ich lobe meine Mädels wirklich gerne; aber es sollte auch was zum Loben da sein.

In der Frankfurter Rundschau vom 6. Juni konnte ich nachlesen, dass ich in Sachen frühkindlicher Talentförderung im Zeichnen völlig versagt habe.

In der besagten FR ist unter der Überschrift „Die Kunst des Kritzelns“ ein Interview mit Professor Georg Peez abgedruckt. Peez untersucht frühkindliche Zeichnungen, die er als „Weg eigenmächtig Spuren zu erzeugen“ bezeichnet. Und diese Spuren beginnen schon „wenn sie Teile ihrer Breimahlzeit auf den Tisch verschmieren, statt sie zu essen.“ Na lecker! 😯

Nun überlege ich schon seit Tagen, ob eines meiner Mädels mit dem Essen auf dem Tisch herumgematscht hat oder nicht. Beinahe sicher bin ich mir, dass ich das „Kunstwerk“ weggewischt hätte, und somit – und jetzt kommen wir wieder zur Schuldfrage – meinem Nachwuchs „nicht nur den Spaß, sondern eine wichtige Ausdrucksmöglichkeit“ genommen hätte.

Bevor ich von Schuldgefühlen zerfressen werde, fällt mir gerade noch ein, dass K2, aufgrund ihrer späteren Geburt gezwungen war, früher am Tisch mitzuessen, und ihre Nudeln gerne durch den Ketchup gewischt und damit ebenfalls Schlieren erzeugt hat, aber immerhin auf einem Teller. Zählt das auch?

Wie dem auch sei, mit dieser Schuld muss ich nun alleine fertig werden; Zeichnen können meine Mädels also nicht – in zwei Wochen gibt es Zeugnisse, mal sehen, wie das die Kunstlehrerinnen bewerten.

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Kategorien: Kükenkram | 4 Kommentare

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4 Gedanken zu „Zeichenkünstler

  1. Noch ist es nicht zu spät. Wenn demnächst Deine Kinder ihren Brei während des Essens auf dem Tisch verschmieren, kannst Du es instagrammen und Deine Community kann es kommentieren und beurteilen. Du musst das Lob natürlich weitergeben 😉

  2. Ach, daran liegt es. Nun, zu spät, der Zeichenzug ist bei uns schon abgefahren.

  3. Claudia

    Wenn das mit den Schlieren auf dem Tisch stimmt wird mein Zweitgeborener der neue Picasso. Mindestens!
    Ich lobe die Malwerke meiner Jungs übrigens immer. Auch wenn da nur Gekrikkel ist. Brauchst aber kein schlechtes Gewissen haben du Rabenmutter ;-P ich lobe das nur aus Eigennutz. Lobe ich sie nämlich dafür, malen sie mehr und machen weniger laustarken Blödsinn.
    Das mit den Schlieren „erlaube“ ich auch nur aus purer, müdigkeitsbedingter Faulheit. Ich habe weder Lust die ganze Zeit am Tisch zu wischen und zu putzen (ich springe so schon oft genug auf um irgendwas aufzuheben oder um Wasserlachen aufzuwischen) und auf permanentes Geschimpfe hab ich auch keine Lust, dann wisch ich es lieber hinterher ab und ignoriere das Geschmiere während des Essens. Die Theorie das ich es durch ignorieren uninteressant mache und sie damit aufhören musste ich inzwischen allerdings als unhaltbar akzeptieren.
    Achja, eine schöne Malanleitung sind die Bücher von Ed Emberley. Ich weiß allerdings nicht ob eine Kunstlehrerin so ein Pferd akzeptieren würde.

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