Die neue Nachbarin

Die Überschrift ist ein bisschen irreführend, denn in der Tat ist die Nachbarin nicht mehr so neu und außerdem sie ist auch nicht alleine in das große Haus gegenüber vom Hühnerstall eingezogen.
Tatsächlich ist es so, dass wir vor knapp neun Monaten zur Einweihungsfeier der neuen Nachbarn eingeladen waren. Ein Pärchen, Anfang Mitte 30, hatte das große Haus und die dazugehörigen Stallungen und Schuppen wochenlang renoviert und war nun samt wieherndem Vierbeiner dort eingezogen.  Der Hahn der „ihn“ schon einmal kennengelernt hatte, war recht angetan. „Endlich einmal ganz normale Leute.“
Bei der Einweihungsfeier wurden wir herumgeführt. Sie – auch total lieb und nett  – Typ Grundschullehrerin. Dass sie diesen Beruf tatsächlich ausübt, überraschte mich nicht. K2 war sofort in Liebe zu ihr entbrannt und erwog die Schule zu wechseln. Noch mehr verliebte sie sich aber in den majestätisch aussehenden Schimmel und das kleine gescheckte Pony, die dort im Stall standen. Das Pony gehörte zu einer Mieterin, die das obere Stockwerk bezogen hatte.
Die neue Nachbarin bot den Küken sofort an, sie könnten jederzeit zum Reiten kommen  J E D E R Z E I T !  Als sie es zum wiederholten Male betonte, wurde ich dann doch etwas misstrauisch und meinte in meiner nüchternden Art zum Hahn: „Na, mal sehen, wie lange sie das ernst meint, mit dem ‚jederzeit‘“. Vorerst ließ ich es dabei bewenden und war froh, dass wir nun einen Abnehmer für hartes Brot hatten.

So, und jetzt ratet mal, wie oft K2 seitdem zum Reiten war?

Kein einziges Mal? Zwei Mal? Alle vier Wochen? 40 Mal?

Eigentlich erwarte ich von einer Grundschullehrerin, dass sie sich bewusst darüber ist, was sie zu Küken im Grundschulalter sagt und auch die Folgen abschätzen kann. Ich konnte K2 gerade noch einmal davon abhalten, gleich am nächsten Morgen im Stall gegenüber zu erscheinen. Dienstags drauf ließ ich sie ziehen, nachdem ich alle zwei Stunden die Frage: „Wann kann ich ‚rüber gehen?“ beantwortet hatte. Kurze Zeit später kam sie zurück: „Es geht nicht, weil sie soviel zu tun hat im Moment noch.“ Eine Woche später dasselbe Spiel. Immerhin hatte K2 eine Telefonnummer bekommen, damit sie telefonisch etwas ausmachen konnte.

Vier  Wochen später durfte sie dann endlich reiten. Bis zum zweiten Male dauerte es dann nicht so lange. Schön, so dachte ich, jetzt gibt es also einen Rythmus. Ich freute mich für K2.
Die Wochen vergingen und K2 stand immer wieder vergeblich vor dem Tor. Keiner machte auf. Sie rief drüben an. Keiner nahm ab. Es kam Weihnachten und K2 war abgelenkt. Im neuen Jahr versuchte K2 erneut mehrfach Kontakt zu der neuen Nachbarin aufzunehmen. Vergebens. „Die machen nicht auf!“ jammerte sie jedes Mal und jedes Mal eine Spur enttäuschter. Wir sahen den Schimmel am Spielplatz zwei Straßen weiter vorbeitraben. Es saß jemand anders drauf. Wir sahen einen Paketboten bei den Nachbarn klingeln. „Siehste, dem machen sie auch nicht auf“, konnte ich K2 etwas beruhigen. „Es hat also nichts mit dir zu tun.“
Irgendwann sah ich die Nachbarin zu ihrem Auto laufen. Von hinten. „Die ist schwanger!“ schoss es mir durch den Kopf.

Letzten Samstag, im Hühnerstall gab es mittlerweile einen Berg aus trockenem Brot, unternahm K2 einen erneuten Versuch. Tatsächlich hatte ihr jemand geöffnet und das Brot war sie auch losgeworden. „Und?“ fragte ich. „Hast du die neue Nachbarin getroffen.“ „Ja, aber ich kann nicht zum Reiten kommen. Im Moment geht es überhaupt nicht. Sie ist hochschwanger!“

Soviel zum Thema „JEDERZEIT“.
Gemeint war wohl: Jederzeit, aber nicht jetzt. Und auch nicht so oft! Und dann bitte gar nicht mehr.

Versteht mich nicht falsch. Mein Küken muss nicht reiten gehen bzw. wenn ich es unbedingt unterstützen wollte, gäbe es genug Möglichkeiten. Aber die Nachbarin hätte ja auch einfach ihren Mund halten können…

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Kategorien: Kükenkram | 8 Kommentare

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8 Gedanken zu „Die neue Nachbarin

  1. Ich habe mir das gleich gedacht, dass es nur „Gelaber“ ist und habe K2 von vorneherein erklärt, dass die Nachbarin es wohl nicht so meint, wie sie sagt.
    es ist schon so, wie Claudia schreibt, hohle Phrasen als Zeichen unserer Zeit. auf die Frage: „Wie geht es Ihnen?“ reagiere ich schon gar nicht mehr… Scheint mehr so eine Art „Hallo“ zu sein und nicht echtes Interesse.

  2. Das tut mir sehr leid für dein Küken: Ich finde es schade dass es immer wieder Menschen gibt die nicht darüber nachdenken was sie sagen. Nur was sagen um sich einzuschmeicheln geht gar nicht: Ich meine sie hätte deinem Küken ja sagen können dass sie schwanger ist und dass es deshalb nicht geht oder so. Aber abwimmeln per ich mach einfach die Tür nicht auf oder nehme das Telefon nicht ab „grummel“ ……. und dies erst noch von einer Grundschullehrerin, Sollte sich schämen. Denn gerade sie sollte, dank pädagogischer Schulung die sie ja mal besucht haben müsste, wissen was man bei einem Küken mit solchen uneingehaltenen Versprechungen anrichten kann.

  3. Claudia

    Das schlimme an solchen Menschen ist, dass man ganz schnell niemandem mehr glaubt, der einem ein „Jederzeit-Versprechen“ gibt. Dabei gibt es durchaus viele Menschen, die sowas ernst meinen und sich auch dran halten.
    Vielleicht sind solche hohlen Phrasen ja auch ein Zeichen unsere Zeit. Freundlicher SmallTalk halt, wie „wir sehn uns“ und „ich ruf dich an“. Nett aber eben nicht wirklich ehrlich gemeint.

  4. chasolu

    Schade fürs Küken, Versprechen sollte man halten. Und wenn das nicht geht, dann den Mund…

  5. ganz ehrlich, bei allem Verständnis, dass sie sich in ihrem Zustand nicht aufs Pferd setzen will, verstehe ich nicht, warum sie nicht mit K2 einfach mal in den Stall geht…

  6. Conny Z.

    man soll nicht versprechen was man nicht halten kann tzz das kann man schon von einer grundschuhleherin erwarten oder einfach nur ehrlich sein und em kind sagen das es nicht geht. ich hoffe das es dein küken verkraftet hat.
    lg conny

  7. Pyrolim

    Recht hast Du. Versprechungen muss man einhalten, das müssen Kinder erfahren, sonst glauben sie ihnen nicht mehr. Und gerade beim Reiten kennen sie, zumal wenn es Mädchen sind, kein Halten. Reitversprechungen für meine Tochter sind zum Glück immer eingehalten worden, sie hat so viele, dass ich schon bremsen muss, sonst kommt sie gar nicht mehr vom Pferd runter.
    LG, Susanne

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