Archiv: Nur zum Angeben

Obwohl ich keine Buchhalterin bin, mache ich alljährlich den Jahresabschluss für meinen „Job im Job”. So auch für das letzte Jahr. Es war bereits Mitte Januar und ich war immer noch nicht fertig, weil die Geschäftsführerin nicht in der Lage war, mir den letzten fehlenden Kontoauszug zukommen zu lassen. Nur sie als Geschäftsführerin kann aber diesen Auszug besorgen. Die Frau ist mit allen technischen Hilfsmitteln ausgestattet, verfügt über iPhone und iPad, und hatte es nicht geschafft, mir diesen letzten Beleg elektronisch zu übermitteln. Ich brauchte ihn dringend und rief sie an:

Sie: „Ich gehe erst am Freitag in die Stadt.“
Ich: „Dann faxen Sie ihn mir doch bitte ins Büro.“
Sie: „Ich bin erst nachmittags in der Stadt.“
Ich: „Dann mailen Sie ihn mir, dann rufe ich es mir zuhause auf.“
Sie: „Ich gehe nicht mehr ins Büro. Und zuhause habe ich keine Scanner.“

Och nö! Ich weiß ja nicht hundertprozentig, über welche Fähigkeiten das iPad verfügt und schon gar nicht, welche Apps die Geschäftsführerin geladen hat, aber mit Sicherheit hat das Teil eine Kamera. Aber selbst wenn sie diese findet, weiß sie wahrscheinlich nicht, wie man das Foto als Mail verschickt.

Doch damit ist sie natürlich nicht alleine. Bei einer Klausurtagung des Präsidiums (fünf Männer und eben besagte Geschäftsführerin) hatte ich keine (herkömmliche) Kamera dabei. Ihr hättet mal die vorwurfsvollen Blicke sehen sollen, die man mir über den Rand der iPhones hinweg zuwarf, als ich das zugeben musste.
Ich: „Dann mache ich eben ein Foto mit Ihrem iPhone!”

Zack, da strahlten alle wieder. Im Nachhinein wundere ich mich ein bisschen, das keiner „Ja, geht das denn?” gefragt hat. Ich habe also Fotos der illustren Runde geschossen. Mit ALLEN iPhones, die an diesem Nachmittag im Raum waren, denn keiner war in der Lage, dem anderen ein Bild zu schicken. Auch mir natürlich nicht, die es ins Netz stellen sollte.

„Ach, tut mir leid Frau Huhn, hat das bis morgen Zeit? Meine Mädels im Büro machen so etwas immer. Außerdem habe ich das Kabel auch nicht dabei“, meinte der Vize-Chef zu mir. Man(n) redete sich um Kopf und Kragen. Und ich wusste nicht, wie ich aus der Spirale von Kopfschütteln, Augenrollen, irritiert (und hoffentlich nicht verächtlich) gucken wieder rauskommen sollte.

Ich unternahm einen letzten Versuch: „Kann mir einer das Bild via Bluetooth schicken?” Ich schaute in ratlose Gesichter und war fassungslos. Da sitzen sechs stinkreiche Hansels und Hanselinen vor mir, halten die neusten Modelle jedes technischen Schnickschnacks in den Händen, weil sie es sich einfach kaufen, wenn es neu herauskommt, und können nicht damit umgehen?! Wozu haben sie es denn? Zum Angeben? (Ich hoffe, ihr hört hier meinen Neid und eine gewisse Verachtung aus den Zeilen heraus? Denn genauso empfinde ich als kleine Angestellte.)

„Frau Huhn? Könnten Sie vielleicht?” Man hielt mir erneut diverse Geräte hin.
Ich reagierte erst einmal nicht. (Ja, ich kann mich nämlich auch feiern lassen.)
„Sie sollten sich wirklich einmal von Ihren Kindern oder sonstwem Ihre Geräte erklären lassen!”
Dann zückte ich mein „billiges” Android-Smartphone, machte ein weiteres Foto und lud es hoch. Es gab „Ohs” und „Ahs”, als ich auf einem iPad das Foto auf der Internetseite aufrief, und ich schüttelte ganz leicht den Kopf. Auch, wenn das ein bisschen frech war, ich konnte es mir einfach nicht verkneifen.

 

 

Kategorien: Archiv, Neues aus dem Hühnerstall | Hinterlasse einen Kommentar

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